montgelasbauforschung





Dialog :


Gotthard Montgelas und Johann Fischer von Erlach





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Fischer von Erlach :

Wir wollen nocheinmal über zylindrische Körper sprechen, unsere


Unterhaltung nocheinmal vorführen. In der Kollegienkirche haben wir diese zylindrischen Volumen im Südchor. Es sind die Säulen. Wie sie in ihren Ausführungen der »zwölf Aufspaltungen« zeigen sind die beiden korinthischen Säulen im Südchor der Kollegienkirche in die raumplastische Formungen eingebunden.




Gotthard von Montgelas :

Die Ausführung der Säulenkörper dieser korinthischen Säulen entspricht


meiner Vorstellung im Denken besonders treffend. Es ist der glatte blosse Säulenkörper der dem Denken und der Vorstellung im Geist bereits so nahe kommt wie ich es sonst nicht kannte. Es dauerte bis ich zu ihren hier formulierten Gedanken vordrang. Die glatte Fläche der Schäfte, das hat mich auch an den Kolossalpilastern beschäftigt. Daß sie ganz ohne Kaneluren ausgeführt sind führte mich auch auf diesen Gedanken. Die Darstellung des Stoffes im Geist gelingt so treffend. Die stuckierte und in den Jahrhunderten mehrmals getünchte Oberfläche der Säulenkörper verleiht ihnen die richtige Beschaffenheit : das Auge findet keinen richtigen Halt und gleitet orientierungslos über die gleichförmige helle runde Fläche des Körpers. Berührt man die Oberfläche, streicht mit der Hand über die weiße Rundung, so konzentriert sich die Empfindung des Geistes nur auf die gerundete Fläche und nichts sonst. Das Material ist nicht greifbar, es stört nicht die geistige Vorstellung. Vorstellung und Wirklichkeit vermischen sich , gehen ineinander über. Es herrscht Unklarheit in welcher Dimension man sich befindet. Es ist auch Nähe zum Traum.




Fischer von Erlach :

In der Vorstellung, im Geist existiert die Säule ohne Dimension und ohne


sichtbare und spürbare Oberfläche. Die stuckierte und getünchte Oberfläche der Säulenkörper hier in der Dimension der Welt erreicht die größtmögliche Nähe zur geistigen Vorstellung. Die stuckierte Oberflächenbeschaffenheit entspricht der geistigen Vorstellung. Die Ausführung in Stein ist ja wesentlich konkreter was den Stoff betrifft. Der Stein ist als Materie schon wesentlich der konkreten Welt zuzuordnen. Hier ist die Spaltung des ursprünglich Einen schon weiter fortgeschritten. Damit die Härtung weiter fortgeschritten. Die Entfernung vom Ursprung, der Einheit ist größer. Die Formbarkeit , Weichheit der Säulenoberfläche rückt die Säulen noch näher an das Formbare, gerade Entstehende.




Gotthard von Montgelas :

Die beiden Säulen treten ja gerade aus der Wandmasse der Travéen. Sie


sind noch ganz jungfräulich und finden gerade ihre Form. Das noch nicht vollständig Konkretisierte, gerade Hervorgetretene, Weiche, Neue, noch nicht voll Entwickelte, die Nähe zum Ursprung ist auch in dem hellen Ton der Oberfläche treffend zur Geltung gebracht.




Fischer von Erlach :

Ja es ist die Helligkeit. In der geistigen Vorstellung haben die Körper


keine bestimmte Farbe nur Helligkeit . Auch der Strahlton der Farben ist erst mit der Spaltung des Einen aus dem Grund hervorgetreten. Allerdings gleich früh zu Anfang.




Gotthard von Montgelas :

In der Vorstellung ist mir nicht erkennbar ob ein zylindrischer Körper sich


gerade dreht oder ob er stillsteht. Die Oberfläche der Körper ist im Geistigen von so einheitlicher Beschaffenheit, daß die Drehung nicht sicher erkannt werden kann. Nur wenn die glatte Rundung des Zylinders mit Kaneluren gegliedert ist, kann die Drehung oder der Stillstand in der Vorstellung konkret festgestellt werden. Bei den Säulen im Südchor ist mir das nicht möglich. Es gibt keine Kaneluren.




Fischer von Erlach :

Die Säulen drehen sich wie sie ja festgestellt haben und die glatte


unbestimmte Oberfläche der korinthischen Säulen ist der Grund hierfür. Genauso wie der Stillstand des Piedestales sich in den riesenhaften Steinverkleidungen äussert. Der Unterschied ist Stillstand und Drehung. Das Piedestal ist schon weit fortgeschritten in der Konkretisierung, Härtung. Dies ist auch notwendig, da die Piedestale die Verankerung der sich drehenden Säulen bilden. Als sie mit der Hand über die Oberfläche des Piedestales strichen wußten sie was ich meine.




Gotthard von Montgelas :

Das feine Summen und Vibrieren dieser Drehung der Säulen ist im Südchor


spürbar. Es überträgt sich auf die Piedestale. Es unterscheidet sich von dem dunklen Rollen und Knirschen der großen Drehung des Gebäudes. Dieses Rollen kommt von weit Unten und wird nur durch die Massen des Grundes und der Fundamente gedämpft.




Fischer von Erlach :

Die große Drehung, der Kreis von dessen Mittelpunkt sie sprechen führt


nocheinmal weiter aus dem Gewohnten und Vorstellbaren. Das summende Drehen der Säulenkörper ist im Vergleich dazu ein abgeleitetes Geräusch. Es ist dieselbe Kraft in der Drehung der Säulen die auch in der Tiefe die große Drehbewegung verursacht. Höhren, Fühlen und Vorstellen sind bei dieser Wahrnehmung hier in Einem. Die auch in den Sinnen vorhandene Spaltung und Teilung wird bei dieser Empfindung aufgehoben und wir nehmen diese Kreisbewegung auch als etwas Hörbares und Fühlbares in uns wahr. Kehren wir zu den Säulen im Südchor zurück und vertagen wir unsere Gedanken zu den aus der Tiefe des Grundes zu uns dringenden Empfindungen. Hier an den Säulen des Südchores haben wir nicht alles aufgedeckt und uns klargemacht. Wir sollten noch weiter über die Eigenschaften der Zylindrvolumen sprechen und dann die Ellipsenformung des Südchores in unsere Gedanken miteinbeziehen.




Gotthard von Montgelas :

An den Säulen des Südchores ist ja Mehrerers merkwürdig. Die von ihnen hier


dargestellten Gedanken führten mich auch zu einer befriedigenden Klärung der Säulen in ihrem Ursprung wie es mir vorher nicht klar war.




Fischer von Erlach :

Ganz recht, denn am Anfang, bevor wir weiter fortschreiten in unseren


Gedanken zu den zylindrischen Körpern und ihrer Wirklichkeit im Südchor sollten wir Euklid befragen. Was er hierüber sagt bestimmt seit alters her die Architektur und ist auch hier eine der Vorraussetzungen zum Verständnis der Architektur des Südchores.




Gotthard von Montgelas :

Euklid führt den zylindrischen Körper im Raum zuerst auf die Drehbewegung


eines zweidimensionalen Rechteckes zurück. Nimmt man nähmlich eine Seite eines Rechteckes als Drehachse so führt die Drehung dieses Rechteckes um diese Achse zur Raumform des Zylinders. Im Zylinder ist die rotierende Bewegung also grundsätzlich enthalten. Die Empfindung der Rotation der Säulen im Südchor ist also klar begründet.




Fischer von Erlach :

Da die Säulen auch zylindrische Volumen darstellen gilt also das von Euklid


Gesagte auch hier im Südchor. Die Säulen sind ohne diese Rotation nicht denkbar und wie sie treffend in ihren Untersuchungen zeigen ist diese Rotation ein Grundelement der plastischen Gedanken des Südchores. Damit sind wir aber noch nicht am Ende unserer Überlegungen. Es fehlt noch ein weitererer Gedanke zu den Säulenkörpern.




Gotthard von Montgelas :

Allerdings. Die Gedanken Euklids zeigen uns zwar eine Vorraussetzung der


Säulenvolumen in der geometrischen plastischen Vorstellung aber es fehlt die Berücksichtigung der Entasis der Säulen im Südchor. Also der kanonischen Verformung der Säulenkörper nach überlieferter Gestaltung. Die Entasis ist nur mit den Vorführungen Euklids nicht erklärbar. Es liegt hier ein weiterer Gedanke zugrunde der zu berücksichtigen ist . Es ist der Gedanke eines formbaren Stoffes.




Fischer von Erlach :

An der Kollegienkirche, im Südchor insbesonders, führe ich die Vorstellung


des noch ungeformten erst zu formenden Stoffes mehrfach vor. Sie weisen ja in den zwölf Aufspaltungen ausdrücklich darauf hin und legen meinen Gedanken dazu klar dar. Sie sprechen von nichts anderem. Der Gedanke ist dann noch weiter für das ganze Gebäude zu fassen, davon aber später. Bleiben wir im Südchor bei den Darstellungen der Säulen. Wie sie ausführen ist ja in den Stuckaturen des Südchores dieser plastische Vorgang der Formwerdung des Stoffes in den Kartuschen direkt und ohne Umschweife vorgeführt. Die geometrischen Äusserungen der Ordnung des Geistes formen den noch ungeformten leeren Stoff. Dies gilt genauso für die Säulen im Südchor und dann eben noch weiter.




Gotthard von Montgelas :

In den Kartuschen im Fries des des Architravs im Südchor und in der


Kartusche über dem Südchorfenster ist der Gedanke klar ausgesprochen. Während der Anfertigung meiner Architekturzeichnungen, also der orthogonalen Grund- und Aufrisse zur Kollegienkirche, also wähernd dieses längeren Aufenthaltes, wurde mir ihre Auffassung deutlich. Auch der Nachvollzug ihrer plastischen Gedanken in meinen Zeichnungen führte mich dazu Überlegungen in dieser Richtung anzustellen. Von den Details der Profilabfolgen im plastischen Aufbau der Traveen über die unerhörten Transformationen, also Rotationen und Translationen des Stoffes im Südchor bis hin dann zur Wahrnehmung der Gesamtgestalt der Kollegienkirche, erschien mir durchwegs der Baustoff als ungeformte noch formloser Stoff aufgefaßt zu sein. Nur dann wäre dies so denkbar, vorstellbar von ihnen gedacht. Zu dieser Meinung kam ich. Auch daß dieser Vorgang des Formens noch gar keinen Abschluß gefunden hat , sozusagen der Stoff im Prozeß der Formwerdung verharrt unterrstreicht für mich diese Auffassung. Die Kollegienkiche ist daher ein bewußt unvollendetes Bauwerk . Das Anhalten des Formprozesses kurz vor der endgültigen Vollendung der Architektur zeigt ihre Auffassung mir zu deutlich.




Fischer von Erlach :

Sie greifen beinahe vor aber es ist so wie sie sagen. Wir wollen nun


aber nochmal ernstlich unsere Gedanken zu den Säulen des Südchores zusammenfassen bevor wir weiterschreiten. Die Drehung eines zweidimensionalen Rechteckes nach Euklids Lehre ist der Grundgedanke der Säulenzylinder im dreidimensionalen Raum. Die Füllung dieses so entstandenen Volumens mit einem formbaren Urstoff sowie die Verformung dieses Stoffvolumens durch die Zentrifugalkraft der Drehung und letztens die Lage dieser Säule im Raum und die daraus resultiernde Schwerkrafteinwirkung führt zur charakteristischen Verformung der Säule, zur Entasis. Damit folgen wir den Lehren Euklids und der Pytagoreer. Durch die Entasis erfahren wir auch die Konsistenz dieses formbaren Urstoffes. Dies ist der eigentliche Sinn dieser Vorführung seit alters her. Dies mag vorerst genügen um nun auch die Piedestale und dann die aus den Wandmassen hinter den Säulen hervortretenden Kolossalpilaster zu betrachten und schliesslich die im Volumen der Wandmasse sich nach oben drehenden negativen Volumen der Spindeltreppen zu erörtern. Wir haben hier noch mehreres vor uns.

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